Sound is the Interface
Zusammenfassung: “Sound is the interface” von Agostino Di Scipio, 2003
In seiner Abhandlung “Sound is the interface” diskutiert Agostino Di Scipio das Paradigma der Interaktion in bestehender Computermusik und Live-Elektronik und entwickelt dieses Konzept durch einen bio-kybernetischen Ansatz weiter.
Interaktive Musik-Systeme reagieren in Echtzeit auf Veränderungen ihrer äußeren Gegebenheiten. Diese Veränderungen werden in den meisten Fällen von einem oder mehreren Künstlern unter Verwendung eines Steuergeräts herbeigeführt und sind auditiv wahrnehmbar. Dem Künstler bietet sich somit die Möglichkeit, das System als Musik-Instrument zu spielen.
Das Steuergerät rückt immer mehr in den Vordergrund: Die Wechselbeziehungen zwischen den Steuervariablen des Systems müssen sorgfältig ausgearbeitet werden. Störgeräusche und unerwünschte oder unvorhergesehene Aktionen des Künstlers gilt es zu vermeiden. Das Paradigma wechselt von der interaktiven Komposition zur Komposition der Interaktion: Es werden nicht mehr gewünschte Töne durch interaktive Mittel erzeugt, sondern gewünschte Interaktionen, die hörbare Spuren hinterlassen.
Unabhängig von den unzähligen Implementierungsmöglichkeiten dieses Konzepts teilen sich die meisten interaktiven Musik-Systeme ein einheitliches Design: Den bereits oben angesprochenen linearen Kommunikationsfluss. Die Linearität kann durch ein optionales, rekursives Element aufgebrochen werden, welches aus künstlerisches Sicht sehr vielversprechend ist: Es handelt sich dabei um die Schleife, die entsteht, wenn der Künstler Einfluss auf das System nimmt und anschließend selbst in seiner nächsten Aktion von ihm beinflusst wird.
Das Grundprinzip dieser Mensch-Maschine-Interaktion lässt sich mit einfachen Worten beschreiben: Der Künstler agiert, das System reagiert. Ohne den Künstler ist das System nicht in der Lage, eine Veränderung an seinen äußeren Gegebenheiten vorzunehmen. Die dazu benötigten Steuerdaten können nicht selbstständig vom System erzeugt werden. Außerdem gibt es keine Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Audiosignalverarbeitungsalgorithmen. Das System ist folglich auf den Künstler angewiesen.
Di Scipio orientiert sich an lebenden Organismen und entwickelt das Konzept um einen bio-kybernetischen Ansatz weiter. Die Interaktion soll als dynamisches System verstanden werden, welches sich an seine äußeren Bedingungen anpassen und in diese eingreifen kann. Das System erfasst nicht nur die Veränderungen in seiner Umgebung, sondern bestimmt damit auch seinen eigenen internen Zustand. Die Interaktion wird hier als Wechselbeziehung zwischen System-Komponenten und dynamisches Verhalten begriffen, welches entsteht, wenn ein autonomes System in Kontakt mit seiner äußeren Umgebung kommt. Die Umgebung wird zum elementaren Bestandteil des Systems: Das autonome System wird zum Ökosystem, welches ohne den permanenten Kontakt mit einem Medium nicht überleben kann.
In seinem Projekt “Audible Eco-Systemic Interface” (AESI), welches Di Scipio im Jahre 2000 basierend auf der Software KYMA in der Version 5.2 begonnen hat, versucht er genau dieses Konzept umzusetzen. Sein Ziel ist es, ein kleines auditives Ökosystem zu erzeugen, welches sich in einer engen Beziehung mit dem Raum befindet, in welchem sich die die Musik und das Publikum befindet. Der Mensch wird jedoch vorerst außen vor gelassen: Aus der Mensch-Maschine-Interaktion wird eine Maschine-Umgebung-Interaktion. Die Informationen, die ausgetauscht werden, sind grundsätzlich auditiver Natur.
Die Grundidee ist eine sich selbst erhaltende Schleife — eine Kette von Ursache und Wirkung, die ohne menschlichen Eingriff abläuft. Der ganze Prozess kann in sechs Schritten zusammengefasst werden:
1. Ein Startton wird durch die Lautsprecher ausgegeben. Es handelt sich dabei um ein Sample oder einen synthetisch erzeugten Ton.
2. Zwei oder mehr im Raum verteilte Mikrofone zeichnen diesen Ton auf und speisen ihn wieder in den Computer ein.
3. Der Computer extrahiert Informationen aus dem Ton.
4. Aus den Informationen werden Steuerinformationen erzeugt, die Einfluss auf die Audiosignalverarbeitungsparameter nehmen.
5. Das Differenzsignal aus dem ursprünglichen Geräusch und den Steuerinformationen wird berechnet.
6. Das Differenzsignal wird verwendet, um ein paar Signalverarbeitungsparameter in Bezug auf die Raumeigenschaften zu adaptieren.
Die Steuervariablen des auditiven Ökosystems sind einer ständigen Veränderung unterworfen, die von der Resonanz des erzeugten Tons im Raums abhängt. Die benötigten Daten sind (außer beim Start) immer auf das Ergebnis der letzten Interaktion zurückzuführen. Die dabei entstehende Musik ist abhängig vom Raum, vom Startton, vom Mapping der Steuersignale auf die Parameter der DSP-Funktionen sowieso vom Netzwerk der Zeitvariablen.
Kernaussage: Da zu jeder Zeit der Sound das Medium ist, kann man von Sound als Interface sprechen.
Neue Erkenntnisse: Di Scipios Herangehensweise unterscheidet sich gravierend von unserer: Es liegt nicht in seinem Interesse, ein der Natur nachempfundenes Ökosystem nachzubilden, sondern lediglich die Wechselbeziehungen zwischen Maschine und Umgebung auditiv wahrnehmbar darzustellen. Auf mögliche Interaktionsformen geht er nicht ausführlich ein: Er betont, dass mehrere Huster aus dem Publikum das System interaktiv beinflussen könnten, was aber grundsätzlich auf eine Veränderung im Raum zurückzuführen wäre.