Auditives Ökosystem

Auditives Ökosystem und auftretende Sound-Strukturen in Di Scipios Musik.
Musikphilosophie hilft der musikalischen Analyse

Die Musikphilosophie:
Die Musikphilosophie beschäftigt sich nicht nur mit den Fragen „Was geht aus dem Hören hervor? Welche Erscheinungen entstehen durch Hören?

Die einfache Antwort wäre Sound. Jedoch muss man diesen sorgfältig studieren, da durch Sound eine neue Struktur hervorgeht,  die weitere Fragen aufwirft. „Welche räumlichen und zeitlichen Limits gibt es?“ „Von was ist es entstanden? Wie kann es aus der Struktur hervorgehen?“

Musikalische Analyse:
In diesem Paper wird auf Di Scipios kompositorische Studien zu seinem „auditiven Oekosystem“ und die darin auftretenden Soundstrukturen eingegangen. Zudem soll gezeigt werden, dass die Musikphilosophie der musikalischen Analyse bei der Beantwortung auftretender Fragen hilft.

Wie ist es möglich Sound-Strukturen zu analysieren, die keine unabhängige Existenz haben, nicht nur vom Material her, sondern auch vom Zuhörer und vom Raum wo er spielt?“

Dabei wird das Hauptaugenmerk auf Di Scipio gelegt:

Agostino Di Scipio entwickelte ein Audiosystem, das mit der Umwelt interagiert – also mit einem Raum.
Der Raum in dem und von dem die Musik hervorgeht, ist auch der Raum des Zuhörers. Was dabei herauskommt ist komplex: Das Ergebnis der Konfrontation mit dem Erkennen des Hörers und dem Audiosystem. Man nennt es Soundstruktur oder Musikstrukturen, aber in welcher Genauigkeit, in welchen Abhängigkeiten untereinander, ist schwer zu sagen.
Die auftretenden Klänge sind unvorhersehbar und unbeständig. Sie sind abhängig vom Raum, der vom aktiven Hören – der “ungewollten” Interaktion des Zuhörers (seine Bewegungen) des Zuhörers im Raum und vom aktiven Audio Ökosystem konstruiert wird.

„Ich bin darin interessiert, erwünschte Interaktionen zwischen verfügbaren Elementen und Komponenten zu komponieren. Die Musik soll als empirische Begleiterscheinung der Interaktionen gehört werden und nicht als ein abstrakter Diskurs, der von mir geschrieben wurde“. (Di Scipio)

Das ist es, was seine Musik so schwierig analysieren lässt.

Di Scipios Musik:
- italienischer Komponist (1962 geb.)
- musikalische Arbeit in Elektronik, Live Elektronik und Instrumente und Sound-Installationen
- neue theoretische Ideen – wie können seine Werke mit der musikalischen Analyse verstanden werden.

Auftretende Soundstrukturen:
Stochastische Musik ist eine Bezeichnung für musikalische Kompositionsverfahren, bei denen stochastische Prozesse (zufällige Vorgänge) benutzt werden. Der Begriff geht auf den Komponisten und Architekten Iannis Xenakis zurück.

Erklärung:
Der Kompositionsvorgang basiert bei Xenakis zunächst auf visuellen Formen. Aus diesen leitet er Formeln und Kombinationswege ab, um sie dann durch den Einsatz zum Beispiel einer Rechenmaschine in Notenzeichen und Musik umzuwandeln. Hierbei greift er auf Zufallsprozesse, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Spieltheorie zurück. Die daraus resultierenden, sich oftmals verformenden Klangbilder vergleicht der Komponist selbst mit Wolken und Galaxien und bezeichnet sie als „Stochastische Musik“.

Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel, wie dem von ihm entwickelten GENDYN-System überträgt Xenakis die Idee dynamisch stochastischer Kompositionen auch auf die Ebene der Klanggestaltung. Mit Hilfe von Verfahren wie der Granularsynthese werden dabei Klangwolken automatisch generiert, die sowohl auf der gröbsten als auch auf der feinsten Strukturebene stochastisch organisiert sind. (Auszug aus Wikipedia)

Di Scipio wählt für seine Musik einen anderen Weg da er die Stochastik nicht als richtige Form empfindet.

“Man kann sich fragen ob Stochastik wirklich ein gutes Mittel für Klangfülle höherer Ordnung ist, herauskommend von Ausgangsmuster minimaler Schalleinheiten.” (Di Scipio)

Er wählt komplexe, dynamische Systeme mit nummerischen Verfahren um kleine Schalleinheiten zu einer Klangfülle höherer Ordnung zu komponieren.

Auditives Oekosystem:
Di Scipio erschuf ein „lebendes System“ mit der Fähigkeit zur Autoorganisation – von einer gegebenen strukturellen Organisation zu einem Zustand einer neuen Anordnung – ein Phänomen des Entstehens.
Aber auch andere Gesetze wie Mophostase(1) und Morphogenese(2), welche zusammen das Hauptmerkmal sozialer und lebender Systeme schaffen – die Selbstorganisation.
Um festzustellen, ob das System sich wirklich automatisch organisiert, nutzt er „circular causality“ – zyklische Abhängigkeiten, wie eine Art Feedback.

In der gewöhnlichen Ansicht von Interaktion agiert diese wie ein Informationsfluss – eine Soundquelle, die umgeformt wird.
Durch Di Scipios Idee der Abhängigkeiten könnte die Komposition selbst dazu führen, Interaktionen zu entwickeln.
Sein Ziel war es also ein dynamisches System zu entwickeln, das die Fähigkeit zur Anpassung und zur Interaktion an umliegende externe Bedingungen aufweist – selbstorganisierend. Interaktionen werden als Nebenprodukt der Wechselbeziehungen der Systemkomponenten gesehen – also indirekt eingesetzt.

„Eine Wandlung vom Entwickeln gewollter Töne/Klänge durch interaktive Mittel zur Entwicklung gewollter Interaktionen durch auditive Substanzen.“ (Di Scipio)

Interaktion geschieht zudem aber auch mit der akustischen Umgebung. Sein Oekosystem ist eine dreiseitige Interaktion zwischen dem Musiker, dem DSP(3) Computer und der Schall-Umgebung (sonic ambience).

Auch Geräusche (von außen oder Störgeräusche) sind sehr wichtig in seinem System. Hier sind die Geräusche keine Störung oder Belästigung (wie in der traditionellen Musik) noch Schall Material (ich denke ausgehend von den Boxen, wie in der modernen Musik). Es ist einer der Einflüsse auf die Interaktion in dem Raum wo sie stattfindet, ein Teil des Systems, das Medium an sich, in dem sich das System befindet, das Energie-Angebot in dem sich das System aufrichten und entwickeln kann…

Wie kann man Agostino Di Scipios Musik analysieren?
Musikalische Analyse ist ein altes Verfahren geboren im Rahmen des Lehrens instrumentaler Performance und über alle Kompositionen wurde es zu einer unabhängigen Disziplin.
Musikalische Analyse wurde oft kritisiert als nutzlos oder das sie die Musik isoliert. Die analytischen Ansätze wurden in zwei Kategorien zusammen gefasst.

1. Die Art und Weise wie Musik komponiert wurde. Hier können biografische, psychoanalytische, kulturelle, ästhetische etc. Ziele zugeordnet werden. Jedoch ist es keine genaue Analyse. Es kann auch zu genetischen Methoden wie Sketche, verschiedene Versionen etc. der musikalischen Arbeit zugeordnet werden. Werden diese mit den Regeln des Stücks verbunden so kann man auch von einer Neuerfindung bzw. Suche nach dem Erzeugungsprozess der musikalischen Arbeit sprechen.

2. Arbeit auf dem Level der Musik an sich. Beginnend mit dem Ergebnis der Musikalischen Arbeit an sich. Die Regeln, die vom Komponisten vorgegeben werden, sagen nichts über die Zusammensetzung seiner Musik aus. Der Analytiker muss mit der Musik als eine Determinante (Bestimmte) und fertige Welt umgehen. In diesem Weg des analytischen Denkens ist es also wichtiger, was wir hören als das was “darunter liegt”- den wahrgenommen Strukturen oder den Absichten. Die Musik ist eine Einheit, welche fest ist, da ist, bereit als eine Konstruktion analysiert zu werden, den Sound- basiert auf der Schaefferian Theorie.

Analytisches Bild
Jedoch soll bei der Untersuchung zu Di Scipios Musik nicht so vorgegangen werden. Die Frage ist, was bedeutet Musik? Und was ist das Sound-Ergebnis? Di Scipio legt mehr Wert auf den Prozess als auf das Ergebnis. Deswegen ist es schwer zu analysieren, da es hierbei zu Missinterpretationen kommen kann. Das einzige Ergebnis, was man dadurch bekommt ist ein subjektives und vergängliches Hören.
So wurde nur die herauskommende Besonderheit der Arbeit analysiert. Das Oekosystem von Di Scipio ist nicht nur eine dreiseitige Interkation zwischen dem Musiker, DSP Computer und der Schallumgebung es ist auch eine Interaktion der Arbeit und des Zuhörers. Beide sind Komponenten des Oekosystems: denn der Zuhörer sorgt für die akustische Absorption. Er ist eine interne Komponente der Dynamik des Systems.

Die musikalische Analyse kann als eine Bildanalyse gesehen werden. Der Analysierer benutzt verschiedene Werkzeuge um zu beschreiben, zu zergliedern, zu vereinfachen. Er untersucht nicht direkt das Werk oder was er hört, sondern er baut das Bild nach. Das Werk wird also nicht als Ganzes gesehen, sondern wird in Teile heruntergebrochen  und jedes Teil wird einzeln analysiert. Es muss immer statisch analysiert werden.

Drucke, Spur, Zeichen, Abdruck
Jedoch ist Di Scipios Musik alles andere als statisch und daher schwer zu analysieren.
Kein spezifischer Sound, keine Instrumente, Samples oder Ausnahmen.
So starteten in Audio-Oekosystem 3a (er hat also mehrere Anläufe oder Versionen gemacht) die Hintergrundgeräusche mit nichts. Im Audio-Oekosystem 3b wurden die Hintergrundgeräusche mit dem Mund und Kehle erzeugt. Alle diese Geräusche sind unvorhersehbar und unhörbar. Sie werden durch zwei Mikrofone im Raum eingefangen und weitergeleitet. Sie wurden dann zu nummerischen Signalen in der DSP-Anlage. Innerhalb der DSP-Anlage existiert keine Linearität oder direktes Ausführen: die Input-Signale werden durch verschiedene Wege geleitet. Einige davon gehen durch verschiedene Audio-Signalverarbeitungs-Blöcke, andere durch Steuersignal-Blöcke. Im DSP finden eine Vielzahl von Loops statt: wenn ein Signal aus einen Block raus geht, wird es in andere Blöcke geleitet, welche das Signal kontrollieren oder bearbeiten, welche neue Signale in andere Blöcke weiterleiten. Früher oder später gelangt ein Teil des originalen Signals wieder zum ersten Block.

Jedes Signal oder jeder Teil eines Signal kann als Schall-Material und als Verarbeitungsmaterial angesehen werden. Der Prozess existiert, wenn ein Sound aus den acht Lautsprechern herauskommt. Dieser hilft dabei den Hintergrund-Sound zu vervollständigen (die Lautsprecher sind nah an der Wand und dieser zugedreht) und wird sofort von den Mikrofonen eingefangen. Dann geht’s wieder zum Anfang – eine Schleife.
Also gibt es kein Ende und kein Anfang. Jedes Element ist beides – Anfang und Ende. Oekosysteme sind Systeme, bei denen diese Strukturen und Entwicklungen gar nicht existieren können (kann sich nicht selber entwickeln), ausgenommen in seinem ständige Kontakt mit einem Medium. Sie sind autonom bezüglich des Prozesses der ihre eigene spezielle Struktur wiederspiegelt. Dennoch können sie nicht von der äußeren Welt isoliert sein und können nicht ihre eigenen autonomen Funktionen erhalten es sei denn in Verbindung mit eine Quelle von Informationen.

„Sie von einem Medium zu isolieren, würde heißen sie zu töten.“ (Di Scipio)

Jeder Teil des Ökosystems (innerhalb oder außerhalb des DSP) ist immer eine Energiequelle für die anderen Teile und nutzt die Energie von anderen. Und der Zuhörer kann genauso als ein Element der Struktur gesehen werden (hieß es oben nicht, er wäre elementar? Das sehe ich nämlich nicht so) Ja er ist ein Element, da das was von ihm und seinen Bewegungen im Raum ausgeht in das Ökosystem auch hinein geht. Gleichermaßen ein Block im DSP-Schema mit einem Input – die Hintergrundgeräusche –, was er durch die Lautsprecher hört, und der Output, die Änderung, die er erzeugt, bevor das Geräusch von den Mikrofonen eingefangen wird.

So also kann man das Ökosystem nicht als ein Bild sehen, da man hierbei den Zuhörer, einen wichtigen Teil außer acht lassen würde. Also ist das, was wir in diesem Audio-Oekosystem hören, sein eigenes Gedrucktes, seine eigene Spur, Zeichen, Abdruck. Also ist dass, was wir in diesem Audio- Oekosystem hören die Asche seiner verbrannten Stimme!!!

Zurück zur musikalischen Analyse: was bewegt sich…
„ Wenn wir eine Struktur in einer musikalischen Arbeit finden, dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei nur um ein Fragment von Raum und Zeit handelt. “ (Didi Huberman)

Genau wie im Audio-Ökosystem: Der Sound, den wir hören, ist ein kleiner Teil des ganzen Prozesses. So sollte die Frage nicht nur lauten „Was hören wir da?“, da man hierbei nur ein statisches Bild betrachtet mit separaten Raum und Zeit. Der Zuhörer gehört zur selben Zeit zum selben Ort und somit zur Arbeit und dem Sound.
Also muss man sich die Frage anders stellen: “Was bewegt sich innerhalb von dem was wir hören?” Bei dieser Frage sucht man nicht nach dem Ergebnis, sondern nach einem strukturellen Prozess. Die Bewegungen und Prozesse, die wir hören sind etwas Flüchtiges, Kurzlebiges im gesamten Oekosystem. Jeder Sound, den wir hören, bildet keine Struktur, sondern hat direkte Beziehungen. Man kann einen Sound nicht als ein Objekt sehen, welches über den anderen steht, sondern alles ist ein kleines Element, was zu einem Ganzen Sozusagen, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Jedoch kann man bei der musikalischen Analyse nicht den einzelnen Sound herauspicken und analysieren wie er entstanden ist, denn jeder Sound ist zufällig und anders als ein anderer.

„Es passiert nur einmal und kommt nie mehr so vor. Wir können es nicht als einen besonderen Fall ansehen, als ein Beispiel (für alles).“

Man muss die Beziehungen all dieser Bewegungen (Sounds) betrachten. Das Hören ist nicht das Ende der Analyse sondern der Anfang. Wenn man sich fragt, was sich innerhalb der Struktur bewegt, dann erreicht man teilweise eine Struktur.

Abschließend kann man sagen, wenn man Di Scipios System analysiert, heißt es, dass man die Beziehungen zwischen dem, was wir hören, analysieren, die Bilder und die Technik, die dahinter steht.

1. Fähigkeit eines Systems, seine Struktur in einer sich verändernden Umwelt zu erhalten
2. dynamisch- Neubildung und Entwicklung von Strukturen in einem System
3. digital Signal Processor- dient der kontinuierlichen Bearbeitung von digitalen Signalen (z. B. Audio- oder Videosignale) durch die Digitale Signalverarbeitung.

4 Kommentare zu Auditives Ökosystem

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